Nie mehr ohne

Biggi war über 15 Jahre lang clean, bevor sie wieder mit Heroin anfing. Inzwischen wird sie mit Polamidon substituiert und bekommt täglich Ihre Dosis. Häufig wird durch die Behandlung mit Ersatzstoffen die Sucht auf andere Drogen verlagert. Da zwar der Entzug gestillt, nicht aber das Rauschverlangen befriedigt wird, rutschen viele Substituierte in die Alkoholsucht ab oder steigen auf andere Substanzen um.
Neben seinem 1€-Job pflegt Rene seine Mutter und organisiert den gemeinsamen Haushalt. Ohne Substitution wäre es ihm gar nicht möglich, sich um sie zu kümmern. Trotz seiner Fürsorge fällt ihm das Zusammenleben häufig schwer. Im Alter von 38 Jahren ist eine eigene Wohnung schon lange sein Wunsch.
Seit 2008 ist Diamorphin in Deutschland zur Substitution zugelassen. Auch wenn die Behandlung mit diesem pharmakologisch hergestelltem Heroin gegenüber etablierten Ersatzstoffen viele Vorteile bildet, ist sie bisher nur wenigen Abhängigen zugänglich. Rene hatte das Glück, die Bedingungen dafür zu erfüllen.
Als Rene Obdachlos war, schlief er gelegentlich in einem Tunnel unter der Kölner Innenstadt. Eines Nachts entkam er dort nur knapp einem Molotow-Anschlag. Trotz schwerer Verbrennungen und seinen damaligen Lebensumständen, wurde er nach anschließender Erstbehandlung durchsucht und auf Grund des Besitzes von Heroin mit einer Geldstrafe belastet.
Fast täglich fährt Biggi in die Vorstädte Kölns um wie sie sagt „Geld zu machen“. Dabei fragt sie Anwohner nach Arbeit oder einer kleinen Spende. Sie ist stolz darauf, sich ihren Konsum auf legalem Wege zu finanzieren. Das war nicht immer so.
Auch wenn Biggi ihren Konsum zu kontrollieren versucht und bewusst auf einen Entzug verzichtet, rückt die Sorge um ihre Gesundheit und die Behandlung ihrer Wunden in den Hintergrund und ihr Alltag wird von Beschaffung und Konsum bestimmt. Sie sagte mal, dass Sie keine Ihrer Entscheidungen je bereut hat, dennoch jedem davon abraten würde, ein Leben wie ihres zu führen.
2 Jahre später (2014) treffe ich die Beiden wieder.

Biggi ist gerade 50 geworden. Sie fährt nach Möglichkeit noch immer raus zum „Geld machen“. Nachdem ihr bester Freund, Nachbar und Dealer ein Jahr zuvor Jahr starb, hat sie ihren Kokainkonsum reduziert. Komplett aufhören möchte sie nicht. Auf die Frage hin, wie lange sie glaubt noch so weitermachen zu können, antwortet sie: „so lange es noch geht“. Sie erzählt außerdem, das fast alle ihrer alten Kontakte entweder tot, im Knast oder im Entzug sind. Die meiste Zeit ist sie allein.

Rene ist inzwischen auf Arbeitssuche und plant, mit seiner Freundin zusammen zu ziehen. Auf Grund der Substitution ist es allerdings schwer, eine Vollzeitstelle zu finden. Deshalb lässt er sich runter dosieren und wird vielleicht in einigen Monaten auch ohne Substitut leben können. Das hätte außerdem den Vorteil für ihn, endlich wieder reisen zu können. Seit über 10 Jahren hat er Deutschland nicht verlassen. Sein Traum ist ein Reise nach Indien.