Stadt der Zukunft

Der Plattenbau als Zeuge seiner Zeit 
Gedanken zu einer Kulturgeschichte des Massenwohnungsbaus in der DDR

Sie wirken von Weitem wie die stillen Zeugen einer längst vergangenen Zeit. In akkurat angeordneten Zeilen erheben sie sich auf der grünen Wiese; die Ordnung nur hier und da unterbrochen von einem Band aus Wohnungselementen, das sich wie eine Schlange in Richtung vereinzelter Punkthochhäuser windet. Um einen großflächig mit Waschbeton belegten Platz stehen flache Funktionsbauten, Bäcker, Kioske ein Dönerimbiss. Nur gelegentlich sind Passanten zu sehen; sie wirken verloren in der Weite der Betonlandschaft. 
Wer sich heute einer Großwohnsiedlung in Plattenbauweise wie Leipzig-Grünau oder Berlin-Marzahn nähert, dem fällt es auf den ersten Blick oftmals schwer, in ihnen die Orte der Zukunft zu erkennen, als die sie konzipiert und lange Zeit auch begriffen wurden. 
Mit dem Fall der Mauer und dem Vereinigungsprozess von DDR und der Bundesrepublik Deutschland haben sich vielmehr Deutungsnarrative der Platte durchgesetzt, in denen nicht nur das Scheitern des sozialistischen Experiments selbst gerinnt, sondern deren Ästhetik mitunter zum Grund des sozialen Abstiegs ihrer Bewohner selbst erklärt wird. Als Ikonen des gesellschaftlichen Verfalls verkommen sie so häufig zur bloßen Kulisse für Berichte über Episoden rechtsgerichteter Gewalt, den Niedergang der ostdeutschen Wirtschaft und den damit verbundenen demografischen Wandel. 

Das Leben in der Platte als Verheißung
Dabei galt das Leben in der Platte lange Zeit als Verheißung eines besseren Lebens. Der Bezug eines Plattenbaus wurde gemeinhin bis weit in die 1980er Jahre hinein als großes Privileg begriffen. Verfügten doch die Neubauten im Gegensatz zum Gros der Altbausubstanz allesamt über fließend Warmwasser, eigene Badezimmer, Fernwärmeanschluss und oftmals Balkone bzw. Loggien oder einen Müllschlucker. Diesen für damalige Verhältnisse ungeahnten Luxus boten nur wenige der DDR-Mietwohnungen aus dem Vorkriegsbestand.
Mit ihrer strikten Trennung in Vorder- und Hinterhauswohnungen, Souterrain und Beletage, die sich hinsichtlich ihres Ausstattungsstandards und in den Wohnungsgrößen deutlich unterschieden, manifestierte sich in den Altbauquartieren weiterhin die soziale Schichtung des Kaiserreichs. Auch die Lärmbelästigung und die gesundheitsschädlichen Auswirkungen des innerstädtisch ansässigen produzierenden Gewerbes und der Beheizung mit geruchsintensiven fossilen Brennstoffen ließen den städtebaulichen Status Quo der Gründerzeitviertel hoffnungslos überholt erscheinen. Die Neubauprojekte des DDR-Städtebaus konnten demgegenüber als greifbares Versprechen an die Bevölkerung verstanden werden, die überkommenen Strukturen der alten Stadt hin zu einer besseren Zukunft im Sozialismus zu überwinden. 
Neben den bloßen infrastrukturellen Verbesserungen und dem Mehr an Wohnkomfort, den die neuen Siedlungen ihren Bewohnern boten, zeichneten sich diese auch oftmals durch eine gelungene lebendige soziale Mischung in der Bevölkerungsstruktur aus. Die Platte war tatsächlich ein Ort, an dem Alt und Jung, Inteligenzija und Arbeiter Tür an Tür lebten. Auch wenn zu Recht immer wieder die Frage nach Missständen im System der staatlichen Wohnraumlenkung in der DDR aufgeworfen wird (und mit Sicherheit davon auszugehen ist, dass einzelne Personen bei der Vergabe von neuem Wohnraum aus politischen Gründen bevorzugt wurden), zeigten sich in der sozialen Realität der Platte auch die Vorteile eines zum großen Teil auf bloßem Zufall basierenden Wohnungsvergabeprinzips: Die heute problematischen  Entwicklungen von Ghettoisierung und Gentrifizierung, die sich in den nächsten Jahren zu einer Bedrohung des sozialen Friedens in unserem Land entwickeln könnten und unmittelbare Folge einer Wohnungsvergabe ausschließlich auf Basis der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Mieter sind, wären in der DDR der 1970er und 1980er-Jahre so nicht denkbar gewesen. 

Baupolitische Ursachen für den Boom der Platte
Die Hinwendung zur Platte kann auch als unmittelbare Folge der Entscheidung zur Industrialisierung des Bauwesens gesehen werden, die 1955 auf der ersten Baukonferenz der DDR gefällt wurde. Zeichneten sich die Bauvorhaben der DDR in den ersten Jahren nach der Republikgründung noch durch eine besonders aufwändige handwerkliche und architektonische Gestaltung aus, etwa die Wohnungsbebauung an der heutigen Karl-Marx-Alle in Berlin-Friedrichshain oder die Ringbebauung am Leipziger Roßplatz, setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass der nach dem Zweiten Weltkriegs herrschende massive Wohnungsmangel mit den bisherigen Baukonzepten auf absehbare Zeit nicht behoben werden konnte. In der Folge wurden zahlreiche Typenprojekte für den industrialisierten Wohnungsbau entwickelt und neue Plattenwerke errichtet, die durch die Prefabrikation von Bauelementen den Montageaufwand der Neubauten deutlich senken konnten. Schließlich galt es nicht zuletzt, bis zum Jahr 1990 das der Bevölkerung gegebene Versprechen zum Neubau und der Modernisierung von drei Millionen Wohnungen einzulösen und damit den Wohnraummangel in der DDR endgültig zu beseitigen. 
Die neuen Wohnungsserien mit ihren genormten Bauelementen begünstigte den Boom der in sich geschlossenen Neubausiedlungen vor den Toren der Stadt, da das politisch präferierte Baukastensystem des Plattenbaus nur bedingt an die baulichen Voraussetzungen in der Altstadt anpassungsfähig war. 
Mit der Neuausrichtung der Bauaufgaben in der DDR der 1960er und 1970er Jahre erfolgte auch ein paradigmatischer Wandel der Architektursprache. Suchte man in den ersten Jahren nach Gründung der DDR noch, durch die Besinnung auf historische Bauformen, die eine Deutung als positive „Nationale Traditionen“ erfuhren, mittels Architektur einen gesellschaftlichen Demokratisierungsprozess zu unterstützen, zeichnet sich die Plattenbauarchitektur der sechziger und siebziger Jahre durch die Negation jeglichen historischen Bezugs aus. 
Der mangelnde Bauschmuck der Architektur wurde zur Leerstelle, die durch die Entfaltung ihrer Bewohner selbst gefüllt werden sollte. Fragen der architektonischen Ausgestaltung einzelner Gebäude bzw. Ensembles rückten in den Hintergrund. Die Ausbildung eines Wohnens als neuer Form gemeinschaftlichen sozialistischen Lebens mit zahlreichen öffentlichen Bereichen sowie einer Infrastruktur gesellschaftlicher Einrichtungen rückte verstärkt in den Fokus. Die Einrichtung von Kitas, gemeinschaftlicher Waschküchen und Trockenflächen erlaubte es insbesondere den werktätigen Frauen, Teile der Hausarbeit und Kinderbetreuung aus der privaten Wohnung auszulagern. Die sozialistischen Persönlichkeiten würden dabei, so die Annahme, „auf Grund gemeinsamer Interessen und Neigungen immer mehr das Bedürfnis nach Beziehungen zwischen Kollektiven, innerhalb der Hausgemeinschaft und in Wohngebieten suchen“ (Merkel, 1999) und somit den gewünschten Wandel hin zu einer genuin sozialistischen Gesellschaft unterstützen. 

Die Erfahrbarkeit von „Heimat“ in der Trabantenstadt als Problemstellung im DDR-Städtebau
Den Problemen des Siedlungsneubaus, der zwar die basalen Grundbedürfnisse nach komfortablem Wohnraum auf einem hohen Niveau befriedigen konnte, gleichsam aber oftmals nur schwer dem Wunsch nach der Erfahrbarkeit von Lokalität und Urbanität genügte, wurde insbesondere ab den 1970er Jahren durch die Errichtung gesellschaftlicher Hauptbereiche zu entsprechen versucht. In ihnen zeigt sich besonders eindrücklich die kreative Nutzung der gestalterischen Spielräume, die den DDR-Architekten innerhalb des industrialisierten Bauschaffens noch zur Verfügung standen. Zu beobachten ist im zeitlichen Verlauf zunehmend eine Abwendung von Typenlösungen hin zur Erarbeitung standortspezifischer architektonischer Ansätze. 
Man hoffte, durch die individuelle Projektierung dieser Zentren in den Großwohnsiedlungen die Akzeptanz der Bewohner ihrer Wohnumgebung zu befördern und damit auch in letzter Konsequenz die Zufriedenheit mit dem Staat zu verbessern. Diese Bereiche sollten einen gestalterischen Höhepunkt der gesamten Siedlung bilden und den Bewohnern ein neues Stadtzentrum offerieren, das die Voraussetzung zur Identifikation mit der Trabantensiedlung als neuer „Heimat“ sicherstellte. Durch vielfältige gesellschaftliche Einrichtungen (Kultur- und Sporteinrichtungen, Einkaufszentren, etc.) und die hervorgehobene architektonische Gestaltung wurde das Stadtteilzentrum bewusst zum idealisierten Nahbereich lebensweltlicher Erfahrung ausgebaut, in dem die Verheißungen des Lebens im sozialistischen Staat greifbar werden sollten.
Auch wenn die Errichtung vieler dieser gesellschaftlichen Zentrumsbereiche und die Gestaltung von Grünflächen in den Neubaugebieten erst mitunter Jahre nach Fertigstellung der Wohnbauten in Angriff genommen wurden, zeigt sich in ihnen doch das ernsthafte Bemühen der DDR-Stadtplanung (innerhalb der sehr begrenzten finanziellen Spielräume), auch in den abseits der Zentren gelegenen Neubausiedlungen, Orte der Begegnung und der Erfahrbarkeit von Stadt zu schaffen. 

Eine Wiederentdeckung der Platte?
Während sich der Abstieg der Wohnqartiere in Plattenbauweise in den 1990er in rasantem Tempo vollzog und ein Rückbau der Wohnsubstanz oftmals als einzige Option erschien, gibt es erste Anzeichen dafür, dass zumindest die Plattenbausiedlungen in zentrumsnaheren Lagen auf absehbare Zeit wieder an Attraktivität gewinnen werden. Angesichts der Mietpreisexplosion in innerstädtischen Lagen und den infrastrukturellen Nachbesserungen in den Quartieren nach der Vereinigung von Ost- und Westdeutschland entdecken junge Pioniere zunehmend den Reiz der Platte. Für sie könnten die DDR-Neubauquartiere zu denselben Laboren einer Stadt der Zukunft werden wie für ihre Eltern die verlassenen Innenstädte eine Generation zuvor.

Text: Daniel Hirsch